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Tobias Weber: Urbane Räume mit Tuben zeichnen

Tobias Weber Künster Architekt


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Kunst und Architektur inspirieren sich gegenseitig im Schaffen von Tobias Weber. Der Schweizer Künstler ist studierter Architekt und in beiden Bereichen gleichermaßen tätig. Seine Themen findet er in alltäglichen Szenerien der dichtbesiedelten urbanisierten Welt; er zeigt Häuserfassaden, Straßen, Tiefgaragen, kurz: vom Menschen eingenommene funktionale Räume und die Spuren, die dies hinterlässt. Webers Bilder präsentieren Ausschnitte von Zweckarchitekturen, die überall begegnen, die man aus eben diesem Grund jedoch kaum mehr wahrnimmt, geschweige denn, dass man sie in irgendeiner Weise als »künstlerisch« wertvoll empfindet.
 
Auffällig ist die ungewöhnliche Formensprache der Gemälde: Die Bilder kommen mit wenig Farben aus, meist setzt Weber nur einen Farbton in verschiedenen Abstufungen ein oder kontrastiert wenige Farben. Die Motive werden dominiert von schwarzglänzenden, leicht erhabenen und unregelmäßigen Konturlinien, die wie Lakritze auf der Leinwand zu liegen scheinen. Sie formen reine Farbflächen ohne Schattierungen, die den Bildern eine ungewöhnliche, comichafte Wirkung verleihen.

Mit Tuben »zeichnen«

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Diese besondere Wirkung seiner Gemälde erreicht Weber durch eine ungewöhnliche Arbeitsweise: Die schwarzen Umrisse werden direkt aus der Tube auf die Baumwollleinwände »gezeichnet«. Die Acrylfarbe verläuft, trocknet an und erhält eine schwarzglänzende, gummiartige Konsistenz. Seit über zehn Jahren beschäftigt sich der Künstler schon mit diesen »Outlines«. Auf der Suche nach den perfekten Konturen, wie sie etwa bei Comics eingesetzt werden, entdeckte er den Einsatz der fließenden Tuben für sich, mit denen wie mit einem Farbstift freie, ununterbrochene Linien geschaffen werden können. Die Konturen umschließen deutlich voneinander abgegrenzte Farbflächen, die sich an ihren Rändern nicht vermischen. Wie im Comic verleihen die kräftigen Umrisse dem Gezeigten eine reliefartige Prägnanz und Klarheit. Das Sujet kommt noch deutlicher zum Ausdruck. Darüber hinaus geben die schwarzen Konturen den Arbeiten eine besondere reliefartige Plastizität, eine haptische Qualität, wie man sie von Gemälden in dieser Form nicht kennt.

Die Betonung der grafischen Umrisslinien kann durchaus als Reminiszenz der Architektur gelesen werden. Beide Metiers – Kunst und Architektur – sind nicht so grundverschieden, wie sie zunächst erschienen mögen: Architekt und Künstler verbinde, so Weber, eine hohe Affinität zur Zeichnung, beide finden mit Skizzen zur gesuchten Lösung.

Der künstlerische Blick des Architekten auf seine Umwelt

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Durch den direkten Farbauftrag der Umrisslinien aus den Tuben kommt eine ausgeprägte handwerkliche Komponente in Webers Arbeitsprozess, der davon abgesehen sehr »maschinell«-reproduktiv ist: Die Motive werden am Computer aus zuvor fotografierten Aufnahmen zusammengestellt; dabei werden häufig auch Elemente aus verschiedenen Fotografien komponiert und die Themen in Serien bearbeitet. Das zentrale Sujet wird fokussiert, Überflüssiges entfernt, bevor das fertige Motiv auf die Leinwand übertragen wird. Der Großteil der Bilder zeigt menschenleere Räume. Aber auch die jüngeren Arbeiten, in denen Menschen zu sehen sind, werden in entsprechender Weise gestaltet: Die Szenerie um die zentrale Figur bzw. Figuren wird reduziert auf wesentliche Elemente, auf nötige Mimik und Gestik und beschränkt sich auf das Zeigen reduzierter Situationen. Nur die besagten Konturen werden abschließend manuell aufgetragen, während sogar die Signatur mit einer Schablone aufgebracht wird.

Diese Vorgehensweise reflektiert den Charakter der verarbeiteten Motive des urbanisierten Lebens, die nur selten bewusst wahrgenommen werden. Massenproduziert und in Serie hergestellt erfüllen Brücken, Strommasten, standardisierte Wohnhäuser ihren Zweck, aber sie bleiben anonym, austauschbar, unästhetisch, so dass sie in der Regel im wahrsten Sinne des Wortes keines Blickes gewürdigt werden.

Sensibilisieren für die versteckte Ästhetik urbaner Räume

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Weber hingegen sagt: »Alltägliche Zweckarchitektur wie beispielsweise Tiefgaragen, Autobahntunnels oder S-Bahn-Brücken empfinde ich als schön, weil sie eine logische Folge aus Bedürfnissen darstellen und sie dem Nutzen entsprechend konzipiert und gestaltet wurden.« Durch Ausschnittwahl, Farbgebung und die abstrahierende Reduktion der Motive will der Künstler in seinen Arbeiten zeigen, dass auch solche „Zweckräume“ Beachtung verdienen und ästhetisch geschätzt werden können. „Funktionalität, Abstraktion, Natürlichkeit, Rationalität oder andere Kriterien lassen Gebäude plötzlich ästhetisch oder gar schön erscheinen, sobald diese in ihrer Idee und ihrer Zeit betrachtet werden.“ Durch die Reduktion auf die zentralen Formen wird etwa deutlich, welche formale Schönheit in den schwungvollen Kurven von Autobahnen oder Brücken liegt.

Als Beobachter des urbanen Raums will Weber sensibilisieren für die versteckte Ästhetik solcher Orte. Diese Sichtweise ist deutlich geprägt von seinem Architekturstudium. Zwar habe ihn die Architektur in seiner Arbeitsweise nicht spezifisch beeinflusst, so der Künstler, sie habe ihn jedoch sehr wohl inspiriert und seinen besonderen Blick auf und sein Verständnis für die alltägliche gebaute Umwelt geprägt und geschärft.

Weber ästhetisiert die »banalen« Bildinhalte und macht sie visuell gefällig, sogar eine Spur zu sehr, zu plakativ und auffällig, als dass man noch wegsehen könnte von den sonst so unauffälligen Motiven. Dazu wählt er sehr große und breite bzw. hohe Formate, die das Blickfeld sprengen und zum wiederholten Hinschauen zwingen. Diese Darstellungsweise entspricht einerseits dem maschinell-seriellen Charakter der Motive, andererseits durchbricht sie die pauschalen Standardansichten – alles sieht gleich – durch die manuell aufgetragenen Umrisslinien. Sie widersprechen dem anonymen Charakter der maschinell produzierten Elemente. Zum konzeptuell präzisen Arbeitsprozess gesellt sich ein unkontrollierbares, arbiträres Element, das dem Endprodukt besondere Qualität verleiht.
 
Vor kurzem waren Tobias Webers Arbeiten auf der Kunst Zürich in der ABB Halle am Stand seiner Schweizer Galerie Alex Schlesinger zu sehen. Ab Dezember ist der Künstler Artist in Residence 2010 der XL Services Switzerland AG in Zürich.

www.tobiasweber.ch

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